"Ein ergreifender und schmerzhafter Film." (Stuttgarter Zeitung)


Interviews

Gespräch mit Lars-Gunnar Lotz (REGIE)


Wie sind sie auf das Thema gestoßen?

Ich war schon länger auf der Suche nach einer Geschichte, die die Thematik Schuld und Sühne auf eine menschliche und lebensnahe Weise erzählt. Es hängt sehr viel Mystisches an diesen Worten und in meiner christlichen Erziehung war dieses Thema immer sehr stark besprochen worden, aber es interessierte mich, wie es sich im normalen Leben auswirken kann. Dann traf ich die Autorin Anna Praßler, die diese Grundidee lieferte, welche sie in ähnlicher Weise in ihrem Umfeld erlebt hatte. Und so entwickelten wir dann zusammen die Geschichte.


Die verborgenen Ängste und Sehnsüchte der Figuren sind Teil des Grundkonfliktes in FÜR MIRIAM. Inwieweit spiegeln die Figuren die deutsche Gesellwieder?

Mir war es wichtig zu zeigen an was sich Menschen heutzutage festhalten. Da gibt es wie bei dem Schüler Lukas den Glauben, die Religion oder im Gegensatz dazu bei der Hauptdarstellerin die Mathematik, die Naetwas das sich nie ändern wird. Mich hat interessiert inwieweit solche Anker halten bzw. was passiert wenn sie anfangen brüchig zu werden und nicht mehr die stabile Grundlage bieten, an die man sich anhat und von der man Halt erwartet. Ich weiß nicht, ob man jetzt so generell über eine Gesellschaft sprechen kann, aber die Sehnsucht nach Orientierung und Halt spüre ich mehr denn je. Und in unserer Gefinden es die beiden Figuren letztendlich aneinZumindest für diesen Moment.


Der Umgang mit dem Tod ist ein weiteres tragendes Thema des Filmes. Welche Bedeutung hat der Tod für Sie als Pastorensohn?

Wenn man mit der Vorstellung aufwächst, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern das Leben weiterkann, lässt einen das schon etwas einfacher mit dem Tod umgehen. Trotzdem bleibt die Ungewissheit, wie genau das dann auszusehen hat. Doch damit beäftige ich mich nicht allzu sehr, weil es sowieso keine befriedigende Antwort geben wird. Was mich mehr schmerzt ist die Frage warum gerade er oder sie? Das fühlt sich alles so nach Willkür an und das ist schrecklich. Ich denke so ähnlich geht es auch der Hauptfigur. Wieso fahre ich das Auto? Und warum trifft es ausgerechnet dieses junge Mädchen?


Wollen sie mit der Beziehung zwischen einer Lehrerin und ihrem Schüler bewusst provozieren?

Ich habe versucht die beiden Figuren von Anfang an ohne ihren Status zu sehen und sie aus ihrem Schmerz und ihren Sehnsüchten heraus zu verstehen. Dass sie in einem Schüler-Lehrer Verhältnis stehen erhöht die Draihrer Geschichte. Aber im Kern trifft eine Frau, die sich schuldig fühlt auf einen Jungen, der sie für schuldig hält, was sonst keiner in ihren jeweiligen Umfeldern tut. So bedingen sie sich gegenseitig und sind die einzigen, die den anderen verstehen. Dies führt zu ihrer engen Bindung, sei es rau und gewalttätig wie am Anfang oder zart und liebevoll wie am Ende.


Was planen Sie als nächstes?

Momentan befinde ich mich mit meiner Autorin Anna Praßler in der Ideenphase für meinen 90minütigen Dip


Gespräch mit Anna Praßler (DREHBUCH)


Warum dieses Thema, diesen Stoff, wie sind Sie darauf gestoßen?

Ein Unfall, ein Zufall, und unsere Welt gerät aus den Fuunser Leben aus seiner Balance. Etwas bleibt übrig, Schuld, Schmerz, mathematisch gesprochen ein Rest, der „Opfer" und „Täter" vereint; diese vermeintlich fiKategorien sind in Wirklichkeit brüchig und offen, dem Wandel unterworfen, das wollte ich zeigen. Vor eiJahren war meine Mutter als „Teilschuldige" in einen Verkehrsunfall verwickelt, ähnlich dem, den ich zum auslösenden Moment in FÜR MIRIAM gemacht habe. So entstand schließlich die narrative Grundsituatieiner Frau, die eine subjektive Schuld empfindet, für die es objektiv keine Entsprechung gibt. Können wir eine solche Asymmetrie auflösen, wenn die Ratio uns ebenAntworten schuldig bleibt wie die Religion? WelSinn kann die „Ungleichung" haben, für mich und meine wohlgeordnete Existenz? Solche Fragen wollte ich stellen.


Hatten Sie beim Schreiben ein bestimmtes Konzept, nach dem Sie sich gerichtet haben?

Am Wichtigsten sind die Figuren. Bei FÜR MIRIAM bin ich vom zentralen Konflikt der Protagonistin ausgegander mich, da ich mich ganz und gar auf ihre Perseingelassen habe, sehr zügig zu dem Plotgerüst geführt hat. Um die Geschichte zu konkretisieren und zu verfeinern, musste ich meine Figuren aber noch beskennen lernen, psychologisch tiefer in sie dringen, mich noch mehr und noch liebevoller einfühlen und sie einfach in allem verstehen, auch verstehen wollen. Wokommen sie und wohin zieht es sie, wohin werden
sie gezogen? Was sind ihre Sehnsüchte? Was fühlen sie und wie lässt sich das in Bilder übersetzen? Davon aushat sich die Geschichte wie organisch entfaltet.


Mit welchen Filmen / Drehbüchern kann man FÜRMIRIAM vergleichen?

FÜR MIRIAM ist ein lebensnahes und unsentimentales, sehr heutiges Melodrama, das auf die Exzesse, die man dem Genre gerne vorwirft, verzichtet. Wie in den moMelodramen der dänischen Regisseurin Susanne Bier nach den Drehbüchern von Anders Thomas Jensen (z.B. OPEN HEARTS, 2002) wurzelt die emotionale Kraft von FÜR MIRIAM in gefühlvoller Beobachtung und eibehutsamen Narration, in kleinen Gesten und komFiguren. Und auch thematisch ist da natürlich eine Verwandtschaft, es geht um Familien, Beziehunden Umgang mit dem Unfassbaren und die Sehnnach Erlösung, Hoffnung. Auch 21 GRAMS (von Alejandro González Iñárritu und Guillermo Arriaga, 2003) beschäftigt sich damit.


Welche Projekte haben Sie gerade in der Pipeline?

Aktuell entwickle ich für Lars-Gunnar Lotz' Diplomfilm das Drehbuch zu einem Ensembledrama, das die exisFragestellungen von FÜR MIRIAM konseweiterverfolgt. Ein zweites Langfilmprojekt, mein Diplombuch, erzählt eine historische Migrationsgeaus einer neuen und unverklärten Perspektive; im Zentrum dieses Melodramas, das sich über die bun70er Jahre hinweg erstreckt, stehen drei Schwestern, „Gastarbeiterinnen" aus Italiens Norden, und ihre höchst wechselvolle Beziehung zueinander.



Gespräch mit Franziska Petri (HAUPTDARSTELLERIN)

Was hat Sie an dem Drehbuch FÜRMIRIAM, bzw. an der Figur Karen Mertens besonders gereizt?

Als ich das Drehbuch, "Für Miriam" in die Hand bekam, wollte ich erstmal nur kurz reinschauen, blieb aber sohängen, hatte das Buch , glaube ich, in einer halben Stunde durch und war tief berührt. Das war das erste was dafür sprach: es war einfach ein gutes Buch. Dann traf ich einen zwar sehr jungen aber sehr engagierten Regiestudenten, der eine ziemlich klare Vorstellung hatwas er da machen will und natürlich war da diese Rolle: mir erstmal ganz fremd, die Welt der Mathematik Lehrerin, aber eben auch deshalb sehr reizvoll. Interessiert hat mich aber vor allem, die Frau, deren Weltgebäude von einem Moment zum andern zusamürzt, die nichts mehr hat woran Sie sich halten kann und in eine Lebenskrise gerät, die auch die Mögbirgt sich neu zu entdecken.


Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Figur Karen Mertens und Ihnen persönlich?

Mit mir privat hat die Figur erstmal wenig zu tun, nur die Mittel mit der ich sie spiele, die Phantasie, Emotionen sind halt meine.


Wie war die Zusammenarbeit mit dem sehr jungen Darsteller Vincent Redetzki?

Solche Szenen mit einem erst sechzehnjährigen Kollezu drehen, war auf der einen Seite toll, weil man so, ein authentisches Moment hatte, andererseits hatte ich auch Befürchtungen, ob das nicht zu weit geht, ob das zuist. Ich wusste, dass man damit sehr verantworumgehen muss. Zwischen uns war aber vom ersten Moment an ein sehr vertrauensvolles, respektVerhältnis, und so ist uns das, glaube ich, ganz gut gelungen.


Wie war es für Sie, sich bei diesem schwierigen Thema auf einen relativ unerfahrenen Nachwuchsregisseur einzulassen?

Mit Lars zu arbeiten war wirklich eine schöne Erfahrung. Zu sehen wie er brennt und seine ganze Heimatstadt in den Film mit eingebunden hat. Wir haben uns im Vorsehr genau miteinander vorbereitet, jede Szene durchgesprochen, Dinge ausprobiert, gemeinsam Neuentdeckt und so war am Set dann alles klar, wir wussBeide wo wir hinwollten und haben es umgesetzt. Er hat die Fähigkeit, gute Leute zusammenzuholen und Vertrauen zu schaffen, das ist sehr wichtig.